Jetzt sind Anpassungsstrategien gefragt – Pflegeeinrichtungen müssen sich auf mehr Hitzewellen einstellen

Die Klimakrise ist da. Um gesundheitsschädliche Auswirkungen von Hitzewellen zu lindern, sind Vorsorge-Maßnahmen nötig, bei denen Akteure aus dem Gesundheits- und Pflegewesen einzubinden sind. Sie müssen eine zentrale Rolle in der Erstellung und Umsetzung von Hitzeschutzplänen für ihre vulnerablen Zielgruppen übernehmen.

Bereits jetzt sind die Auswirkungen der Klimakrise in Deutschland deutlich spürbar. Nicht nur der Globale Süden leidet unter den Folgen der Extremwetterereignisse. Laut dem aktuellen Bericht des Weltklimarats [1] muss sich Deutschland zukünftig auf mehr Hochwasser, mehr Dürren und mehr Hitzewellen einstellen. Das Hochwasser an der Ahr und in Nordrhein-Westfalen ist nur ein tragisches Beispiel, welches verdeutlicht, dass das Zerstörungspotential des Klimawandels und die Notwendigkeit von Klimaanpassung in Deutschland hoch aktuell sind.

Für den Bereich der Pflege sind vor allem die Auswirkungen durch Hitze auf die Gesundheit relevant. Die hohen Temperaturen in Kombination mit hohen bodennahen Ozonkonzentrationen können insbesondere bei älteren Menschen, sowie Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Bereits für das Jahr 2018 gehen Modellrechnungen des Fachjournals The Lancet davon aus, dass in Deutschland mehr als 20.000 über 65-Jährige in Zusammenhang mit Hitze gestorben sind.

Deutschland ist nicht ausreichend auf Hitzewellen vorbereitet

An extreme Hitze ist man hierzulande bisher nicht gewöhnt, sodass keine schützenden Gewohnheiten, wie z. B. die Siesta in südlichen Ländern, existieren und Anpassungsmaßnahmen noch nicht erfolgen. Selbst einfache Schutzmaßnahmen wie beispielsweise regelmäßiges Trinken, Sonnenschutz oder geeignete Zeiten für Sport sind oft nicht bekannt und werden nicht befolgt. Eine aktuelle Befragung der Ärzt*innenschaft durch die Stiftung Gesundheit und KLUG zeigt, dass nur jede*r achte Ärzt*in die Medikation der Patient*innen bei Hitze regelmäßig anpasst und lediglich sieben Prozent Risikopatient*innen in einer Hitzeperiode regelmäßig proaktiv aufsuchen [2]. Beides ist wichtig, um vor allem besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen, wie ältere, alleinlebende Menschen mit relevanten Vorerkrankungen zu schützen. So müssen Diabetiker*innen beispielsweise beachten, dass gespritztes Insulin während Hitzeperioden schneller wirken kann. Außerdem fehlen in vielen Krankenhäusern und Praxen Konzepte zum Umgang mit diesen Extremwetterereignissen – trotz bestehendem Hitzewarnsystem des Deutschen Wetterdienstes sowie entsprechenden Appellen und Beschlüssen der Gesundheitsministerkonferenz 2020 und des 125. Deutschen Ärztetags 2021.

Bundesweite Anpassungsstrategien notwendig

Um die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Hitze zu lindern oder abzuwenden ist Vorsorge nötig. Hitzewarnungen durch den Wetterdienst, Informationen für die Bevölkerung, wie auch Ärzt*innen und Pflegeeinrichtungen, sowie städteplanerische und bauliche Maßnahmen sollten in Hitzeaktionsplänen zum Schutz der Gesundheit zusammengeführt werden. Entsprechende Handlungsempfehlungen hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) 2017 veröffentlicht [3]. Sie wurden von einzelnen Städten und Bundesländern aufgegriffen, jedoch nicht bundesweit realisiert. Dabei ist eine systematische und flächendeckende Umsetzung unbedingt notwendig. Außerdem werden Akteure aus dem Gesundheitswesen bisher nicht ausreichend eingebunden: Sie müssen eine zentrale Rolle in der Erstellung und Umsetzung von Hitzeschutzplänen übernehmen. Fachgesellschaften und Ärztekammern sollten zudem interdisziplinäre Fort- und Weiterbildung, Aufklärungsmaterialien und Leitlinien zu Hitzeschutzmaßnahmen insbesondere zu Medikamentenanpassung während Hitzeperioden entwickeln und anbieten. Berlin geht hier mit gutem Beispiel voran: Ärztekammer Berlin, KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. und Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung haben sich hier zum bundesweit ersten Hitzeschutzbündnis zusammengeschlossen und gemeinsam mit zahlreichen Gesundheitsakteur*innen, wie dem AWO Landesverband und der Berliner Feuerwehr, Hitzeschutzpläne für das Gesundheitswesen entwickelt.

Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen

Für stationäre Pflegeeinrichtungen bedeutet dies, dass sie sich auf allen Ebenen mit dem Thema Hitze auseinandersetzen müssen. Und zwar frühzeitig, vor dem Sommer, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. Dafür müssen Hitzeaktionspläne im Qualitätsmanagement verankert werden. Die Einbindung aller Ebenen und aller relevanter Akteure sorgt dafür, dass eine Senioreneinrichtung frühzeitig und adäquat in einer Akutsituation handeln kann. Dabei wird in Maßnahmen der Verhaltensprävention und Maßnahmen der Verhältnisprävention unterschieden. Im Bereich der Verhaltensprävention spielt das Personal eine wichtige Rolle. Regelmäßige Schulungen sensibilisieren Pflegekräfte für Hitze, damit sie bei den Bewohner*innen u. a. für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr z. B. durch wasserreiches Obst und Gemüse sorgen, und Hitzesymptome richtig deuten können.

Viele Maßnahmen der Verhältnisprävention sind kostenintensiv, da es sich hier u. a. um bauliche Veränderungen handelt. Teils kann aber auch mit kleineren Veränderungen eine effektive Verschattung erfolgen. So sorgt die Umgestaltung von Außenanlagen mit mehr grün und blau für eine kühlere Senioreneinrichtung. Das Einrichten von klimatisierten Räumen, sogenannten Cooling Centern, kann dazu dienen besonders gefährdete Menschen zeitweise unterzubringen. Zudem können hitzeempfindliche Medikamente dort sicher gelagert werden.

Nicht nur die Bewohner*innen sollten im Fokus des Hitzeschutzes stehen. Pflegekräfte, sind aufgrund der schweren körperlichen Arbeit selbst von der Hitze in den Pflegeheimen stark betroffen. Auch Sie sollten auf regelmäßige Pausen und ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Leichte Kühlwesten unter der Arbeitskleidung sind eine von zahlreichen weiteren Maßnahmen, um sich abzukühlen und vor Hitze zu schützen. Hier stehen auch die Arbeitgeber*innen in der Pflicht, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz für ihre Mitarbeiter*innen zu gewährleisten.

AWO und KLUG als Vorreiter im Hitzeschutz

Die meisten AWO Einrichtungen haben sich bereits auf den Weg gemacht und einzelne Maßnahmen des Hitzeschutzes umgesetzt. Einige Beispiele aus der Praxis werden im Laufe der nächsten Wochen in der CareKonkret vorgestellt. Im Zuge der Kooperation zwischen der Arbeiterwohlfahrt und der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) sollen diese zu einem ganzheitlichen Hitzeschutz ausgeweitet werden. Das langfristige Ziel ist der Aufbau funktionierender lokaler Strukturen und Akutmaßnahmepläne in Verbindung mit dem Katastrophenschutz. Die AWO kann mit ihren vorhandenen Strukturen dabei helfen, ein lokales Hitzeschutznetzwerk aufzubauen und Mitarbeiter*innen zu schulen, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. Solch ein Netzwerk soll dabei nicht nur den Bewohner*innen von AWO-Einrichtungen, sondern auch Menschen aus dem Quartier zugutekommen. Die neue Webseite hitze.info der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) unterstützt diesen Prozess und bietet Informations- und Schulungsmaterial, um sich im Bereich Hitzeschutz zu vernetzen und weiterzubilden.

Weiterführende Informationen und Handlungsempfehlungen zu Hitzeschutz in der Pflege und im Büro finden Sie hier.

Der originale Artikel erschien am 01. Juli 2022 in der Ausgabe 27 der CAREkonkret.


[1] https://www.de-ipcc.de/media/content/Hauptaussagen_AR6-WGII.pdf

[2] https://www.klimawandel-gesundheit.de/wp-content/uploads/2022/05/20220519-PB-Aerztetag.pdf

[3] https://www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf


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