Digitale Aktionswoche – Bericht zur Veranstaltung „Klimafreundliche Pflege – Klimaschutz und Klimaanpassung?“ am 20.11.2020

Zu Beginn der Diskussion erfolgt eine Vorstellungsrunde und die Frage was der*die Diskutant*in für sich aus der Diskussion mitnehmen möchte. Beispielhaft werden hier die wichtigsten Aspekte beschrieben, die in der Diskussion angesprochen wurden.

Brigitte Döcker ist Vorstandsmitglied im AWO Bundesverband und in dieser Rolle unter anderem für die Bereiche Nachhaltigkeit und Pflege zuständig. Die Herausforderung in der nächsten Zeit bestünde darin, dass Thema Nachhaltigkeit und damit die vielfältigen Zusammenhänge zwischen ökologischem und sozialen in die Gesellschaft zu tragen und im speziellen in die Arbeiterwohlfahrt. Auch in der AWO sei dies noch nicht ausreichend geschehen, sodass es spannend sei hierauf Antworten zu finden.

Dietmar Horn, Abteilungsleiter der Abteilung „Grundsätzliche und übergreifende Angelegenheiten der Umweltpolitik, Nachhaltigkeit und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen“ und Ressortkoordinator für nachhaltige Entwicklung im Bundesumweltministerium (BMU) macht deutlich, dass die notwendige ökologische Transformation sozialverträglich gestaltet werden müsse. Umweltschutzmaßnahmen würden immer auch soziale Aspekte berühren. Es sei notwendig diese Frage systematisch zu bearbeiten. Das BMU habe deshalb den Dialog mit Wohlfahrtsverbänden initiiert. Auch durch diesen Dialog sei es gelungen zwei Förderprogramme in das Konjunkturpaket der Bundesregierung zu verhandeln. Zum einen ein Flottenaustauschprogramm für soziale Dienste („Sozial & Mobil“) und zum anderen Förderungen im Bereich der Klimaanpassung für soziale Einrichtungen. Hinweis: Wer Informationen zu den beiden Programmen wünscht, kann sich bei uns gerne unter nachhaltigkeit@awo.org melden. Herr Horn möchte gerne mehr darüber erfahren, was die Bundesregierung und im speziellen das Umweltministerium tun könne, damit Menschen, insbesondere einkommenssschwächere nicht unter die Räder kämen und teilhaben können.

Michael Groß, MdB für die SPD und Vorsitzender der AWO-Parlamentarier*innengruppe freut sich darauf zu erfahren, was die letzten neun Monate der Legislaturperiode noch getan werden könnte um das Thema voran zu bringen.

Markus Broeckmann ist Geschäftsführer im AWO Bezirksverband Pfalz e.V. Im Rahmen der Einführung von EMAS sei die Mitarbeitendenbeteiligung am Umweltschutz zentral gewesen. Nach Umsetzung der Maßnahmen, die viel Wirkung erzielt hätten und wirtschaftlich darstellbar waren, stelle man sich nun zunehmend die Frage wie die AWO Pfalz in diesem Thema auch glaubwürdig bleiben könne für die Mitarbeitenden. Hierzu wünsche er sich Erkenntnisse in der Diskussion.

Sylvia Hartmann ist stellvertretende Vorsitzende bei Klimawandel und Gesundheit e.V. und erhofft sich, etwas aus den lessons learned für andere Pflegeeinrichtungen aus dem Projekt zu erfahren.

Frau Döcker macht zu Beginn der Diskussion die Aufgaben für die AWO klar. So bestehe die sozialanwaltschaftliche Rolle der AWO, im Themenkomplex Nachhaltigkeit, darauf hinzuweisen, dass es eine sozialverträgliche Transformation geben müsse. Gleichzeitig könne die AWO Wissen bei Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen, Bewohner*innen, Angehörigen oder Klient*innen Wissen vermitteln und Engagement von erzeugen. Darüber hinaus könnten diese die Impulse aufgreifen und weiter in die Gesellschaft tragen. Im Bereich des betrieblichen Klimaschutz weist sie auf das Potenzial in der Pflege hin. Dadurch, dass die Menschen dort rund um die Uhr versorgt werden würden, sei es Aufgabe der AWO diesen Menschen ein klimafreundliches Leben zu ermöglichen.

Markus Broeckmann zeigt den Weg der AWO Pfalz auf. So lasse man schon länger für Einrichtungen des Bezirksverbands den CO2-Fußabdruck erstellen. Ein weiterer Schritt sei dann die Einführung des Umweltmanagements EMAS gewesen und die Teilnahme am Projekt. Durch das Projekt habe man gelernt, dass auch kleine Dinge wie z.B. die Mülltrennung für die Mitarbeitenden wichtig seien und deswegen nicht vernachlässigt werden sollten. Zudem könne hier Geld eingespart werden. Zunächst sei man „Wohlfühlthemen“ angegangen. Anschließend seien aber auch Maßnahmen umgesetzt worden, die für bestimmte Funktionen zumindest am Anfang keinen persönlichen Mehrwert hatten. So müssten jetzt die Pflegekräfte das Leitungswasser selbst sprudeln und für die Bewohner*innen abfüllen. Den größten Erfolg des Projekts sehe er in der Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung bei den Mitarbeitenden.

Dietmar Horn berichtet über das Klimaschutzgesetz als ein neues Instrumentarium. So seien in diesem Gesetz alle Sektoren dazu verpflichtet bestimmte Emissions-Reduktionspfade einzuhalten. Passiert dies nicht, müsse nachgesteuert werden und die zuständigen Ressorts müssten Strafzahlungen leisten. Der Vorteil bestehe auch in den klar zugeteilten Verantwortlichkeiten der Ressorts für die Sektoren. Auch wenn die CO2-Bepreisung zu niedrig ausgefallen sei, gehe er davon aus, dass er in den nächsten Jahren seine Wirkung entfalte. Allerdings müsse man ehrlich sein: Dies bedeute, dass Produkte teurer würden. Nun sei die Frage: Wer zahlt was?

Michael Groß lobt die AWO für ihr Engagement im Bereich der Nachhaltigkeit. So habe diese schneller gehandelt als das Parlament. Er sei der Ansicht, dass man sich auch für den Klimaschutz die wichtige Frage stellen sollte, wie Pflege verankert sei. So plädiere er für mehr Gemeinnützigkeit in der Pflege und weniger privatwirtschaftlich organisiert. Am Beispiel der Inkontinenzmaterialien für die Bewohner*innen macht er deutlich, dass ein Lieferkettengesetz kommen müsse. Durch dieses könne man deutsche Hersteller auch für soziale oder ökologische Missstände zur Rechenschaft ziehen, die im Ausland festgestellt würden. Er sei der Ansicht, dass Klimaschutz kein Spielfeld für Besserverdienende sein dürfe und deshalb an vielen Stellen Ordnungsrecht geboten sei. So lehne er die CO2-Bepreisung in der aktuellen Form ab.

Broeckmann lobt die Förderungen. Sie seien gut um Erfahrungen zu sammeln. Perspektivisch gehöre allerdings Klimaschutz in die Regelfinanzierung. Herr Groß sieht das genauso und stimmt Herrn Broeckmann zu.

Sylvia Hartmann macht auf die bereits heute spürbaren Veränderungen durch die Klimakrise und deren Auswirkungen auf die Menschen aufmerksam. Die Hitzewellen würden für die Mitarbeitenden und Bewohner*innen eine zusätzliche Belastung bedeuten. Neben klimaschädlichen Emissionen seien auch andere Luftschadstoffe sehr schädlich für die Gesundheit. Bereits heute würden mehr Menschen an diesen Stoffen sterben als am Rauchen.
Diese beiden Beispiele würden deutlich machen, dass fehlender Klimaschutz sozialunverträglich sei.

Herr Horn zeigt auf, dass es die Förderprogramm lediglich ein Auftakt gewesen seien. So habe man bei der Förderrichtlinie zur Klimaanpassung das Feld bewusst sehr breit gefasst. Die Träger hätten zum einen die Möglichkeit investive Maßnahmen gefördert zu bekommen und zum anderen aber auch Personalressourcen für die Erarbeitung von Konzepten zur Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen. So hoffe man, dass die Förderprogramme ausgenutzt werden würden. Denn so könne man mit dem Finanzminister und dem*der zuständigen Haushälter*in über weitere Mittel sprechen. Es sei wichtig die Mittel möglichst schnell und umfassend auszuschöpfen.

Frau Döcker sieht die Aufgabe des Bundesverbands weiter darin die Gliederungen zu überzeugen sich im betrieblichen Klimaschutz zu engagieren. Die Mitarbeitenden seien bislang Profis für die Pflege, (noch) nicht aber für den Klimaschutz. So ginge es nun darum durch Fortbildungen Know-How aufzubauen.

Herr Broeckmann sieht für eine erfolgreiche Umsetzung eine Voraussetzung darin, dass ein absoluter Wille bestünde das Thema anzugehen. Durch die flächendeckende Verbreitung von Qualitätsmanagement in der AWO habe man Erfahrung mit Managementsystemen. Umweltaspekte müssten hier integriert werden.

Herr Horn weist daraufhin, dass Klimafreundlichkeit nur ein Aspekt von ökologischer Nachhaltigkeit sei. EMAS berücksichtige alle Umweltauswirkungen einer Organisation.

Die Beteiligten loben zum Abschluss den Austausch und betonen die Wichtigkeit solcher Dialogformate. So sei die AWO in ihren Nachhaltigkeitsbemühungen auf dem richtigen Weg. Es sei aber noch eine große Herausforderung die AWO klimaneutral zu machen. Frau Döcker zeigt sich optimistisch, dass das beantragte Folgeprojekt genehmigt werde und zum 1. März 2021 starten könne.