Digitale Aktionswoche – Bericht zur Auftaktveranstaltung am 16.11.2020

Programm:

  1. Grußwort BMin Schulze
  2. Grußwort Wilhelm Schmidt, Präsident der Arbeiterwohlfahrt
  3. Vortrag Katharina Bohnenberger (Uni Duisburg-Essen): „Sorgende Sozialpolitik für Mensch & Planet“

Die Bundesumweltministerin Svenja Schulze lobt in ihrer Video-Botschaft zum Auftakt der Aktionswoche das Engagement der Beschäftigten in der Pflege, welches sie trotz der großen Herausforderungen, die auch schon vor der Corona-Krise in der Pflege bestanden, tagtäglich zeigen. Das AWO Grundsatzprogram zeige, dass der AWO bewusst ist, dass soziale Verantwortung immer auch eine ökologische Dimension habe. Diesem Bekenntnis lasse die AWO unter anderem mit dem Projekt klimafreundlich pflegen Taten folgen. Sie leiste hier Pionierarbeit und sensibilisiere Bewohner*innen, Angehörige und Mitarbeitende für den Klimaschutz. Durch das Beispiel aus der Verpflegung, dass wieder mehr selbst gekocht würde, macht sie deutlich, dass Klimaschutz auch für mehr Qualität und Freude im Arbeitsalltag sorgen könne. Zum Abschluss dankt sie der AWO für ihr Engagement und wünscht eine inspirierende Aktionswoche.

Wilhelm Schmidt, Präsident der Arbeiterwohlfahrt, spricht ebenfalls einige Grußworte zum Auftakt der Aktionswoche. Er macht auf das langjährige Engagement der AWO im Bereich der Nachhaltigkeit aufmerksam und verweist auf das neue Grundsatzprogramm. So sei während des Prozesses der Wunsch einiger Antragsteller*innen aufgekommen einen sechsten Grundwert „Nachhaltigkeit“ aufzunehmen. Es wurde allerdings klar, dass dies nicht notwendig sei, da die Grundwerte der Arbeiterwohlfahrt bereits alle Nachhaltigkeitsaspekte implizieren. Im Wert Gerechtigkeit werde schnell deutlich, dass die Art und Weise wie wir wirtschaften und leben sowohl gegenüber Menschen im globalen Süden als auch zukünftigen Generationen nicht gerecht sei. Dies sei vielen Menschen in der AWO bewusst, sodass es nicht verwundere, dass auf der Kampagnenseite zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen wirarbeitendran.awo.org bereits viele tolle Projekte von AWO-Ehrenamtlichen und / oder AWO-Mitarbeitenden zu finden seien. Ein Blick auf die Seite lohne in jedem Fall. Wilhelm Schmidt wünscht allen Teilnehmenden eine erkenntnisreiche Aktionswoche.

Katharina Bohnenberger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen. Sie zeigt in ihrem Vortrag auf, warum Klimaschutz für Wohlfahrtsverbände wichtig ist und wie nachhaltige Sozialpolitik Synergien schaffen kann. Dazu hat sie ihren Vortrag in zwei Teile geteilt. Im ersten Teil wird aufgezeigt, wie sehr ökologische Schieflagen auch zu gesellschaftlichen Schieflagen führen können: So lebten die Ärmsten an den unwirtschaftlichsten und gefährlichsten Orten und sind damit häufiger von Überschwemmungen und anderen Extremwetterereignissen betroffen. Bei den zunehmenden Hitzewellen seien insbesondere ältere Menschen, Kinder oder chronisch Kranke besonders verletzlich. So werde klar, dass Umweltschutz zum Schutz der Menschen passiere. Um die ökologischen Gefahren zu begrenzen sei 2015 in Paris das Klimaabkommen verabschiedet worden. Um dieses zu erfüllen, seien technische Lösungen und grünes Wachstum nicht ausreichend. Dazu gesellen muss sich die Strategie der Suffizienz oder auch als Lebensstiländerung bekannt. Genau hier könne Sozialpolitik ansetzen. Bei der Veränderung von Lebensstilen gehe es um Alltagspraxen, die durch Sozialpolitik bestimmt würden, wie z.B. wie z.B. mangelhafter ÖPNV als Beispiel für Lock-In-Emissionen oder das Dienstwagenprivileg als Beispiel für Luxusemissionen. Bei der Frage nach Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit stellten sich drei Gerechtigkeitsfragen:

  1. Wer sind die Verursachenden?
  2. Wer sind die Leidtragenden?
  3. Wer trägt die notwendigen Veränderungen?

Bei der Auflösung dieser Ungerechtigkeiten würden zwei Strategien helfen: Vorsorge & Verteilung. In dem ein Staat die Folgen der Klimakrise durch ambitionierte Klimapolitik begrenze, setze er vorsorgende Sozialpolitik um. Gleichzeitig müssten Verteilungsfragen gestellt werden. Sie sorgen gemäß des Verursacher*innenprinzips dafür, dass Menschen mit hohem Einkommen gleichzeitig hohe Emissionen verursachen und entsprechend stärker an der notwendigen Transformation beteiligt werden. Bei der Frage „Was ist genug?“ hilft das Konzept der Donut-Ökonomie. Als Handlungsrahmen, in dem wir Menschen wirtschaften und leben können, gelten in diesem Konzept die planetaren Grenzen. Nur innerhalb dieser Grenzen könne die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse wie bspw. Essen, aber auch Bildung stattfinden.

Im zweiten Teil werden konkrete Anwendungsfelder für nachhaltige Sozialpolitik benannt. Nachhaltige Sozialpolitik sorge dafür, dass die Bedürfnisdeckung innerhalb der planetaren Grenzen stattfinde. Dabei berücksichtige sie Teilhabe und Verteilungsfragen. Ziel sei die Ermöglichung einer freien Wahl des Lebensstils. Dabei müsse sie gleichzeitig ökonomisch und wachstumsunabhängig durchführbar sein, während sie Anreize zur Transformation setze.

Beispielhaft sei hier das Feld der Ernährung genannt. Hier stehe man vor den Problemen, dass sich die Bevölkerung gleichzeitig ungesund und klimaschädlich ernährt und die Landwirtschaft die Umwelt schädigt. Eine Lösung könnten Gutscheine für saisonale und regionale Lebensmittel sein. Im Bereich der Mobilität zeigt sie ein Beispiel aus Wuppertal. Durch eine Neuaufteilung des öffentlichen Raums zugunsten des Fuß- und Radverkehrs sei ein physical distancing möglich und das Viertel erheblich lebenswerter.

Sie schließt ihren Vortrag mit einem Fazit:

Es wurde klar, dass nachhaltige Sozialpolitik einen Orientierungsrahmen für einen zukunftsfähigen Wohlfahrtsstaat sein könne. Es gäbe konkrete Synergien zwischen klassischen sozialen Anliegen und neueren sozialökologischen Anliegen: Care-Arbeit sei „grüne“ Arbeit. Durch eine geringere Besteuerung des Faktors Arbeit und einer vermehrten Besteuerung von Ressourcenverbräuchen könnte Care-Arbeit gefördert werden („green work“ & „green social security“). Verteilungsfragen könnten Hand in Hand mit Suffizienzpolitiken gehen. Diese Zusammenhänge würden auch neue Allianzen zwischen Umwelt-, Wohlfahrts- und Sozialverbände erfordern.

Brigitte Döcker und Wilhelm Schmidt loben die Relevanz des Vortrags für den Verband. Es ginge nun darum den Vortrag für den Verband zu „übersetzen“. Sie unterstreichen die Multiplikator*innenfunktion, die die AWO an dieser Stelle spielen könne. So sensibilisiere sie Menschen für diese Themen, die auch bewegt werden könnten, sich politisch einzubringen. Ein weiterer Nutzen könne die Attraktivität als Arbeitgeber sein.

Zum Abschluss wünscht Steffen Lembke, Projektleiter im Projekt klimafreundlich pflegen allen Beteiligten eine aufschlussreiche und interessante Aktionswoche.